De\Globalize

Agential cuts through Critical Zones in Science and other Sediments – Kabini, Nile and Rhine

Schwerpunkt dieses i-Docs des Verbundpartners der Hochschule Offenburg ist es das künstlerische Teilprojekt De\Globalize unter Leitung von Prof. Daniel Fetzner und Dr. Dr. Martin Dornberg (Philosoph, Psychosomatiker und Internist; Lehrbeauftragter am Zentrum für Anthropologie und Gender Studies (ZAG), ALU Freiburg) auszuarbeiten.

Das Projekt untersucht in drei Phasen das Verhältnis des Menschen zur Erde im Zeitalter des Anthropozän als Suchbewegungen nach dem “Terrestrischen” (Bruno Latour):

  1. CRITICAL SCIENCING ZONE am Indian Institute of Science, Bangalore (2018) Der Regenwald zwischen dem Open-Circuit-Windkanal und dem Zentrum für ökologische Wissenschaften des IISc ist ein idealer Knoten für das Critical Earth Lab. Elf ExpertInnen der Critical Zone-Forschung wurden eingeladen, in diesen Erdlaboren ihre Arbeiten zu praktizieren und zu reflektieren – während des Monsuns unter freiem Himmel.
  2. CRITICAL WATER ZONE auf einer Nilinsel, Kairo (2019)
    Der Nil ist die zentrale Wasserressource für hunderte Millionen Menschen in zehn Anrainerstaaten. Zugleich hat die Region ein Bevölkerungswachstum von 3% pro Jahr – mehr als jeder andere Ort der Erde. Das Critical Water Lab konzentriert sich auf Wasser als kritischer Aktant in der Megacity Kairo. Auf einer Nilinsel versammeln sich existentiell widerstrebende Interessen, Schadstoffe und andere Kapitalflüsse aus den Emiraten, um das Terrain radikal neu zu verhandeln.
  3. CRITICAL INDUSTIRAL ZONE am Oberrhein (2020)
    In Zusammenarbeit mit kleinen und mittelständischen Unternehmen werden Anpassungsprozesse und Resilienzen an den Klimawandel am Oberrhein untersucht.

DE\GLOBALIZE hat eine Vermutung. Es gibt wahnhafte, kontrafaktische Grundannahmen: undefinierter Raum als endlos verfügbare Weite; aus unerschöpflichen Ressourcen befeuerte Globalisierungs- und Definitionsmacht; ein endloser Zeitpfeil, der den evolutionären Anthropozentrismus in eine unerschöpfliche Zukunft führt. Sehr attraktiv, sehr erfolgreich, aber von begrenzter Reichweite.
DE\GLOBALIZE diagnostiziert. Der Wahn und die Selbstlügen bröckeln. Die Erde ist kein Untertan. Fossiles Feuer wärmt anders als geplant; terrestrische Kräfte sind auch für Transaktionen in Lichtgeschwindigkeit bindend; freie Marktwirtschaft ist kein selbstregulierendes Beglückungsprogramm; der Mensch ist kein Solitär sondern als Host von 40 Billionen Bakterien ein Umweltsymbiont mit fließenden, unscharfen Grenzen ohne echtes Außen, dessen elementaren Bausteine zu 97% aus Sternenstaub bestehen.

DE\GLOBALIZE untersucht Bruchkanten in Form von agentiellen Schnitten durch drei Territorien:
Bangalore/Indien: mit dem Verhältnis von Mensch, Tieren, Pflanzen und der Erde und dem Blickwinkel der Wissenschaft am Indian Insitute of Science IISc
Kairo/Ägypten: mit dem Verhältnis von Menschen/Leben und dem Nil einerseits und Materie/Müll andererseits
Oberrhein/Deutschland-Frankreich: mit dem Verhältnis von Mensch, Industrie und Klimaerwärmung.

DE\GLOBALIZE tastet nach einem anderen Sound. Dem beglückende Rausch unerschöpflichen Weltinnenraums; involutionärer artübergreifender Vernetzung; Perspektiven eines postextraktivistischen Stoffwechsels mit dem Terrestrischen; Abschied vom Außen eines wie auch immer frei beschreibbaren Eroberungsraums; konstruktive, offene Begegnungsformen jenseits panischen-egozentrischen Archebaus endzeitgetriebener Neidgesellschaften.
DE\GLOBALIZE ist ein partizipatives Zukunftslabor, eine Einladung zum Mitdenken und Mitmachen; eröffnet das Feld künstlerischer Forschungen und Suchbewegungen: durch Filme, Sounds, Interviews, Installationen, Performances, interaktive Dokumentationen, und Interventionen.

Das künstlerische Forschungsprojekt DE\GLOBALIZE
als medienökologische Forschung
Künstlerische Forschung stellt zum einen infrage, dass Wissen gleichbedeutend mit Wissenschaft, und zweitens, dass Kunst diskursiv nicht zugänglich sei. Dabei wird der rationale Status bzw. die Rationalität der Kunst zur Diskussion gestellt und in Bewegung gebracht, denn obwohl Kunst nicht ausschließlich diskursiv verfährt und daher mit einem engen Begriff der Rationalität nicht zu vereinbaren ist, ist Kunst auch »rational und kognitiv«. Das verkörperte Wissen (in) der Kunst hat stark implizite und praktische Anteile, wie u.A. von Phänomenologie, Hermeneutik und kognitiver Psychologie ausführlich dargelegt wurde. Künstlerische Forschung ist jedoch nicht nur für die Kunst relevant. Der Begriff zielt auf einen neuen Ansatz in den Wissenschaften sowie der Philosophie. »Mit, über und durch« andere – künstlerische, mediale, bild- und bewegungsbezogene – Methoden, Fragen, Inhalte und Techniken sollen individuelle und gesellschaftliche Fragen neu gestellt werden. Diese sind auch in Richtung eines medienökologischen Fragens und Forschens relevant.

In diesem Spannungsfeld gehen wir von folgenden Prämissen aus, um künstlerische Forschung als medienökologisches Handeln zu profilieren:

Kunst als Forschung setzt Erkenntnisinteressen voraus. Gleichzeitig gilt, dass künstlerische Forschung immer auch die Ökologien (Kontexte, Medialitäten, Methodiken) ihrer eigenen Herangehensweisen und Kadrierungen zum zentralen Erkenntnisinteresse macht. Methode und Gegenstand vertiefen sich wechselseitig, ähnlich wie die Fragen nach Medialität und Ökologie: Medien, technische, menschliche und dingliche Aktanten bilden Ökologien aus, und komplexe Ökologien bilden ihrerseits Medialitäten aus, formen und überformen diese. Kunst und künstlerische Forschungen nutzten diese Zusammenhänge und können diese materialisieren, inszenieren und beobachtbar machen.
Es gibt unterschiedliche, teilweise interagierende oder sich gegenseitig ausschließende Formen von Wissensproduktion. Wissen formuliert sich nicht nur in den Wissenschaften oder in der Alltagspraxis und anwendungsbezogenen Reflexionen, sondern auch in und durch künstlerische Formate oder in philosophischen Theorieinstallationen. Das Moment der Darstellung/Medialität produziert dabei Erkenntnis(se), und jede künstlerische Inszenierung rangiert als genuiner Wissens- und Forschungsgenerator bzw. -träger. Dabei geht es immer um eine Verbreiterung und Diversifizierung von Erkenntnis, Wissen und Darstellung, nicht um die Illustrierung von Vorgefundenem. Die von uns geleiteten Projekte öffnen ein medienökologisches Feld, das seiner eigenen Beobachtung gegenüber nicht nur offen ist, sondern diese fordert. Werkästhetik, Rezeptionsästhetik, Produktionsästhetik und Ereignisästhetik als einerseits unterscheidbare und andererseits zugleich vermittelte Ebenen jedes Kunstwerks und von Künstlerischer Forschung stellen Paradigmata für eine medienökologische Forschung nicht nur zu Kunstwerken, sondern darüberhinaus auch für die Beforschung kultureller und technischer Artefakte überhaupt dar. Jede dieser vier Bereiche hat nicht nur ästhetische, sondern auch mediale und ökologische Valenzen.
Die von uns hier vorgestellten Projekte kreieren einen Anwendungs- und Forschungsrahmen, welcher die Bildung von research communities für Forschungsfragen und -themen ermöglicht bzw. auf welchen bestehende Forschungsgruppen (wie auch unsere eigene mbody ) zurückgreifen können. Künstlerische Forschung ist immer eine Unternehmung von vielen; die Idee ›geistigen Eigentums‹ und damit auch die von originärer Autorschaft und der referenzlosen Welt der reinen Kunst sowie die Trennung von Theorie/Erkenntnis und Anwendungsorientierung müssen zurückgewiesen werden oder zumindest kritisch hinterfragt. Künstlerische Forschung ist zugleich kontextuell, medial und ökologisch informiert. Sie ist tendenziell partizipativ und schafft zugleich neue umweltliche und mediale Beobachtungs- und Darstellungsformen. Sie stellt, gerade wenn sie transmediale und transdisziplinäre Gefügebildungen in künstlerischen oder forscherischen Werken und von dessen Produktion und Rezeption sichtbar macht, modellhaft eine Mikro-Medienökologie medialer Teilhabe dar und entwickelt und zeigt zugleich einen Forschungsansatz dazu.
Wenn der Mensch in aktuellen medienwissenschaftlichen Diskussionen verstärkt als soziales Wesen im Kontext komplexer ökologischer Gefügebildungen verstanden, in ›radikal umweltlichen Ansätzen‹ von ›Dividuationen‹ die Rede ist, so betrifft dies in besonderer Weise Interaktionsprozesse mit technischen Artefakten und maschinellen Aktanten des Web Zweinull. Begriffe wie ›Partizipation‹, Gemeinschaft und ›Teilhabe‹ werden gerade im Hinblick auf die Herausbildung relationaler Milieus in den sozialen Medien neu erörtert. Webtechnologien und ­standarts schaffen parallel dazu fortlaufend neue Verknüfungsmöglichkeiten in Form von interaktiven Medienformaten.

Im Kontext der Künstlerischen Forschung versprechen diese hypermedial­interaktiven Medienformate noch nicht diskutierte methodische Möglichkeiten. Integraler Bestandteil von DE\GLOBALIZE ist daher eine interaktive Dokumentation, um Möglichkeiten und Grenzen des sogenannten i­doc Formats im Hinblick auf nicht­lineare und assoziative Anteile im Prozessieren einer künstlerischen Forschungskultur zu erörtern: Über die interaktive Produktion werden paradigmatisch wesentliche Bestandteile, Vorgehensweisen sowie transmediale und transdisziplinäre Bezüge und Gefügebildungen, die in der künstlerischen Forschung zentral sind, benutzt und der Beobachtung zugänglich bzw. auf einer Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung thematisiert.



Foto: © Daniel Fetzner, Ausstellung und Diskussion von DE\GLOBALIZE in der ›Critical Zone Study Group‹ mit Bruno Latour am ZKM Karlsruhe