Neurowissenschaft

Neurobiologisches Korrelat

Anelis Kaiser ist Neurowissenschaftlerin und Forscherin der Gender Studies. Sie hat eine Professur für Gender Studies in MINT an der Technischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg inne.
Mit Anelis Kaiser sind zwei Interviews im Frühjahr 2019 geplant. Ausgangspunkt ist, dass die installative Arbeit 2minSelf in ihrem Büro über einige Wochen zu sehen sein wird. Angesichts der Portrait-/Spiegelinstallation wird sie angeregt, zum einen darüber nachzudenken, in welcher Weise sie als Neurowissenschaftlerin auf Gender (Studies) sowie zum anderen wie sie als Forscherin der Gender Studies auf die Neurowissenschaft blickt.

Neuro Sciences meets Gender (Studies)

Grundlegende Fragen

Für ihre Forschung selber reicht ihr der Blick von Außen nicht, sie schaut ins Innere der Menschen, interessiert sich für ihre Gehirne. Wie geht sie dabei vor? In welcher Weise wird Geschlecht in der Neurowissenschaft im Experiment operationalisiert und welche Aspekte von Geschlecht werden im neurowissenschaftlichen Labor implementiert? Lässt sich Geschlecht im Gehirn überhaupt messen?
An Hirnmodellen und Hirnscans führt uns Anelis Kaiser hinein in neurowissenschaftliche Fragestellungen.

Vom Zusammenspiel von Gehirn – Hormonen – Sexualität

Welche Rolle spielen Hormone in der neurowissenschaftlichen Geschlechterforschung? Inwiefern beeinflussen sie unsere Hirntätigkeiten oder ist es nicht vielmehr umgekehrt? Beeinflussen unsere Gedanken unseren Hormonhaushalt und unsere Sexualität? Lassen sich hier Differenzen zwischen Mann und Frau ausmachen? Oder generell gefragt: interessiert sich Anelis Kaiser vor allem für die kleinen, aber feinen Unterschiede oder vor allem für die Ähnlichkeiten zwischen den Geschlechtern? Und wie sieht die Forschung etwa zu Homosexualität in der Hirnforschung aus?

Historische Linien der Neurowissenschaft entlang des Themas Homosexualität und Transgender

In den 1970er Jahren erforschte Simon LeVay die Korrelation zwischen Hirnstrukturen und sexueller Orientierung. Zu welchen Schlüssen kam er und wie wurde seine Forschung weitergeführt? Wie wird heutzutage auf Themen wie Transgender in der Neurowissenschaft eingegangen?
Und wieder genereller gefragt: Welche ethischen und sozialen Fragen ergeben sich aus der neurowissenschaftlichen Forschung zu Geschlecht?
Zurückblickend auf den Beginn: Kann uns die neurowissenschaftliche Forschung dazu verhelfen, dass wir ein differenzierteres, von weniger Vorurteilen belastetes Verhältnis ausbilden, um über unterschiedliche Formen von Geschlechtlichkeit und damit über menschliche Vielfalt nachzudenken? Oder anders gefragt, bestärkt die Neurowissenschaft nicht gerade Gender Stereotype? – Stichwort: Frauen haben eine schlechtere Raumorientierung als Männer und Männer sind schlechter fähig über Gefühle zu sprechen. Was besagt in diesem Zusammenhang der so genannte Gender Stereotype Threat?

Gender Studies meets Neuro Sciences

Grundlegende Fragen

Welche Schlüsse können wir aus dem Gender Stereotype Threat ziehen? Und mit welchen Theorien und Methoden der Gender Studies tritt Anelis Kaiser an die Neurowissenschaft heran? Konstruieren wir Gender und in welcher Weise beeinflussen Gegenüberstellungen wie männlich-weiblich, rational-emotional neurowissenschaftliche Forschung? Was bedeutet es für sie, dass sie, wenn sie für ihre Studien Bilder von menschlichen Gehirnen machen möchte zuvor den Magnetresonanztomografen (MRT) mit Daten zu den Versuchspersonen versorgen muss: mit Namensinitiatlien, Geburtsdatum, Gewicht und Geschlecht? (Vgl. Interview uni’wissen 02/2017)

Reflexion der Experimentalversuche

Wird durch die Apparaturen selber nicht bereits Geschlecht hergestellt? Inwiefern präformieren die Apparaturen das gesamte Experiment? Und welche Deutungsmacht nehmen dabei die Hirnbilder ein? Wie Henning Schmidgen et al. bemerken: „Experimente kombinieren künstliche und natürliche, technische und wissenschaftliche, materielle und immaterielle Dinge.“ (Schmidgen u.a. 2004: 8)
Ist der Forschungsprozess im Labor ein schöpferischer, ein kreativer Akt, „in dem“ – wie Anelis Kaiser es in einer ihrer Seminarankündigungen über Laborstudien beschreibt – „Undefiniertes und das Noch-nicht-Sichtbare als epistemisches Objekt gerade erst hervorgebracht wird“?

Intersektionalität und Queering Biology

In den Feminist Science and Technology Studies (FSTS) wird davon gesprochen, dass es entscheidend sei, um zu einer ’strong objectivity‘ zu gelangen – wie es die Wissenschaftstheoretikerin Sandra Harding benennt – den eigenen Standpunkt mitzureflektieren, von dem aus wir forschen, ebenso wie die Rolle der Apparaturen und bildgebenden Verfahren ernst zu nehmen ist, wie wir sie zuvor thematisiert haben.
Als gebürtige Chilenin, die lange Jahre in der Schweiz gelebt hat und jetzt in Deutschland wohnt und arbeitet, ist ihr Blick auf Gender sowohl kulturell als auch sprachlich auf unterschiedliche Weise geprägt. So hat sie beispielsweise lange Jahre ebenfalls zu Bilingualität geforscht. Ebenso verfolgt sie einen Ansatz, der sich als ‚Queering Biology‘ bezeichnen lässt.
Was bedeutet das? Welche Perspektiven bringt sie persönlich in ihre Forschung ein? Und wie schlagen sich Erkenntnisse und Methoden der Gender Studies, der FSTS und intersektionaler Studien in ihren neurowissenschaftlichen Arbeiten nieder?
Am Ende des Interviews kehren wir nochmals zum Anfang des Interviews zurück und gehen mit einer Position aus den Gender Studies auf die Historie der gendersensitiven Neurowissenschaft ein. Die Genderforscherin und Biologin Anne Fausto-Sterling begann einen ihrer Vorträge mit den Worten „Der Winter 1991 war ein kalter Winter für den Corpus Callosum“. – Welche Geschichte leitet Anne Fausto-Sterling damit ein? Und inwiefern verändert das unseren Blick auf Gender in der Neurowissenschaft?

Anelis Kaiser ist Mitbegründerin des internationalen Netzwerks NeuroGenderings.
http://gmint.informatik.uni-freiburg.de/links/
Außerdem war sie im Rahmen des 2. Workshops von Gendering MINT digital am 19. Juli 2018 als Referierende eingeladen. Sie hat gesprochen über
(Un-)Möglichkeiten der empirischen Genderforschung in den Neurowissenschaften.


Anmerkung

Siehe auch Gendered Digital Brain Atlas – GERDA. Ein Projekt, das von Britta Schinzel und Sigrid Schmitz am ehemaligen Institut für Informatik und Gesellschaft (IIG) der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg geleitet wurde.

Beitragsfoto: © Gendering MINT digital