Gleichstellungspolitik – Transferwissen entwickeln

Die Professionalisierung der Genderforschung durch die Einrichtung von Studiengängen und Fachgesellschaften einerseits sowie die Professionalisierung und Institutionalisierung der Gleichstellungspolitik andererseits hat zu einer Trennung der Wissensformen geführt (Riegraf/Vollmer 2014). Das durchaus konflikthafte Verhältnis von Genderforschung und Gleichstellung (Plöger/Riegraf 2008) wird teilweise auf schwer überwindbare Verständigungsschwierigkeiten durch die unterschiedlichen Handlungslogiken in der Produktion wissenschaftlichen und praxisbezogenen Wissens zurückgeführt (Wetterer 2009), aber auch auf eine Ignoranz der Genderforschung, die zwar die Unzulänglichkeit der ‚Praxis‘ kritisiere, deren Impulse aber nicht aufgreife, was Frey (2012) als „diskursive Einbahnstraße“ beschreibt. Auch wenn die Konfliktanalysen also durchaus vielstimmig ausfallen, führen sie doch inzwischen gleichermaßen zum Plädoyer für die gegenseitige Bereicherung durch einen intensiveren Austausch (Oestreicher/Unterkofler 2014). „So wie die Erforschung der Geschlechterverhältnisse eine Grundlage für die gleichstellungspolitische Praxis an Hochschulen bildet, so geben geschlechterpolitische Entwicklungen wiederum Impulse für die Geschlechterforschung und die feministische Theoriebildung“ (Blome et al. 2013: 73). Nach einer Phase der Professionalisierung und Ausdifferenzierung wird für die notwendige inhaltliche und strategische Zusammenarbeit der Ruf nach Transferwissen also zusehends lauter.

Mit seinen Entwicklungen und Erprobungen will dieses Verbundvorhaben aktiv zum Kulturwandel in Forschung und Lehre beitragen und mit differenziertem Genderwissen Chancengleichheit voranbringen. Dabei ist das im Vorhaben anvisierte Transferwissen entscheidend, um zu erreichen, was durch die League of European Research Universities, LERU, in ihrem im September 2015 veröffentlichten Advice Paper: Gender Research and Innovation (Buitendijk/Maes 2015) gefordert wird: den Kulturwandel im MINT-Bereich durch die Implementierung exzellenter Genderforschung (fixing the knowledge), einhergehend mit entsprechenden Lehr‐/Lernformaten (fixing the competence) und Programmen zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen (fixing the numbers) voranzubringen. Die LERU‐Initiative reiht sich in aktuelle Top‐Down‐Initiativen ein, die deutschlandweit, auf EU‐Ebene (ERA Roadmap, European Union 2015: 13‐14) und international (Guidelines des National Institute of Health, U.S., Clayton/Collins 2014) die Inklusion von Sex und Gender für eine exzellente und verantwortungsvolle Wissenschaft herausstellen. Diese Zielstellung braucht das Zusammenführen von Expertise aus allen Disziplinen und es benötigt Strategien für einen respektvollen Dialog zwischen MINT und Genderforschung, Lehre in den Gender Studies und Gleichstellungspolitik.

 

Literatur

Blome, Eva; Erfmeier, Alexandra; Gülcher, Nina & Smykalla, Sandra (Hg.) (2013): Handbuch zur Gleichstellungspolitik an Hochschulen. Von der Frauenförderung zum Diversity Management? 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.
Frey, Regina (2012): Gender Studies und Gender‐Praxis – eine diskursive Einbahnstraße? In: Stiegler, Barbara (Hg.): Erfolgreiche Geschlechterpolitik. Ansprüche – Entwicklungen – Ergebnisse. Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts‐ und Sozialpolitik der Friedrich‐Ebert‐Stiftung: Friedrich-Ebert‐Stiftung, 77‐87.
Oestreicher, Elke & Unterkofler, Ursula (2014): Nicht mit dir und nicht ohne dich? Theorie‐ Praxis‐Bezüge als Herausforderung für Wissenschaft und Praxis. In: Dies. (Hg.): Theorie‐ Praxis‐Bezüge in professionellen Feldern. Wissensentwicklung und ‐verwendung als Herausforderung.Opladen: Budrich, 7‐20.
Plöger, Lydia & Riegraf, Birgit (Hg.) (2008): Gefühlte Nähe – Faktische Distanz. Geschlecht zwischen Wissenschaft und Politik. Perspektiven der Frauen- und Geschlechterforschung auf die „Wissensgesellschaft“. Opladen: Budrich.
Riegraf, Birgit (2008): Anwendungsorientierte Forschung und der Wandel der Wissensordnung zu Geschlecht: Konzeptionelle Annäherungen. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 33(4), 62‐78.
Riegraf, Birgit & Vollmer, Lina (2014): Professionalisierungsprozesse und Geschlechter‐Wissen. In: Behnke, Cornelia; Lengersdorf, Diana & Scholz, Sylka (Hg.): Wissen – Methode – Geschlecht: Erfassen des fraglos Gegebenen. Wiesbaden: Springer, 33‐47.
Wetterer, Angelika (2009): Gleichstellungspolitik im Spannungsfeld unterschiedlicher Spielarten von Geschlechterwissen. Eine wissenssoziologische Rekonstruktion. In: GENDER Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 1 (2), 45‐60.